Alternative Peru

Lima wächst und wächst und wächst und vermutlich ist „wuchert“ die passendere Wortwahl. Laut auswärtigem Amt liegt das durchschnittliche jährliche Bevölkerungswachstum bei ca. 1,13% Prozent, innerhalb der letzten 50 Jahre hat sich Bevölkerung der Kernstadt verachtfacht und etwa 2/3 der Gesamtbevölkerung des Verwaltungsgebietes Lima leben in den sogenannten Elendsvierteln, den „Pueblos Jovenes“. Ein großer Teil dieses extremen Bevölkerungswachstums ist wohl ursächlich im Bürgerkrieg des 1980er Jahre zu suchen, als die maoistische Terror-Organisation „Sendoro Luminoso“ insbesondere in der Andenregion Ayacucho ihr Unwesen trieb. Aktuelle und offizielle Zahlen sprechen von 70.000 Ermordeten, ungefähr zu gleichen Teilen verschuldet durch den „Leuchtenden Pfad“ und die Armee der Regierung.

Aber erstmal genug der trockenen und traurigen Fakten, vieles lässt sich ergoogeln oder auf altbewährte Weise erlesen. Aktuell rumple ich mit einer kleinen Truppe zusammengewürfelter Touris in einem Van die steilen Wege zu einem der jüngeren Pueblos Jovenes hinauf. Unser Grüppchen besteht aus einem peruanischen Fahrer, unserer belgischen Reiseführerin, einem jungen Koreaner, der gerade 35 Stunden Flug hinter sich hat und vor lauter Müdigkeit droht, sich den Kopf am Fenster anzuschlagen, sowie einem älteren australischen Pärchen. Die einzigen, die ich mir tatsächlich auch namentlich merken konnte, sind die Reiseführerin: Carolien und die eine Hälfte des australischen Pärchens: Kevin. Ich schiebe diese kleine Unhöflichkeit einfach mal weiterhin auf den Jetlag. Aktuell kommen wir gerade von einem „artisanal fish market“, der von riesigen Pelikanen bevölkert wird, die es allesamt geschafft haben, in dem Moment davon zu fliegen, in dem ich endlich die Kamera vor der Nase hatte. Vorher eher neutral eingestellt, hasse ich Pelikane von nun an ein bisschen. Auf dem Markt gibt es außer großen, nervigen Vögeln (nein, diesmal ist das keine poetische Umschreibung für Männer) komplette, frisch gefangene Fische für umgerechnet ungefähr 3 Euro. Ein Hotspot für die Locals frischen, günstigen Fisch zu bekommen. Wer möchte, kann es allerdings auch ein bisschen luxuriöser haben. Nebenan, auf einem Steg, der ins Meer ragt, gibt es einen Luxusyachtclub, zu dem Zutritt bekommt, wer 50.000 Dollar im Jahr als Mitgliedsbeitrag zahlen möchte und kann. Carolien versichert uns, dass die Klassenunterschiede gleich noch stärker deutlich werden. Nach kurzer Fahrt erreichen wir das Zuhause von Sra Balvina. Balvina ist, wie so viele in den 80ern, als Jugendliche vor dem Terror nach Lima geflohen. Sie hat unter anderem einen ihrer Brüder an den Bürgerkrieg verloren. Heute ist Sie glücklicherweise in der Lage sich und ihren Sohn selbst zu versorgen, indem Sie für Bridge of Hope handgefertigte Produkte herstellt. Außerdem gibt diese Arbeit ihr die Möglichkeit ein Auge auf Ihren Sohn zu haben, der gerne Mal die Hausaufgaben „vergisst“, wenn Mama nicht hinschaut. Bei Interesse, gib es mehr dazu hier: http://fairtradeperu.com/en/artisans/jupa/.

Sra Balvina hat viel zu erzählen, aber als nach einiger Zeit das musikalische Gedüdel des Müllwagens erklingt, ist es für sie Zeit ihren Sohn zu scheuchen und für uns der Aufruf weiterzufahren. Nach ca. 20 Minuten noch steilerer Rumpelei kommen wir bei Sra Ninfa an. Sie hat im Bürgerkrieg ihren Vater verloren und lebt nun mit ihrer Mutter und ihren 4 Kindern Sandra (24), Christian (15), Ronald (11) und Samantha (2) auf engstem Raum in einer kleinen Hütte. Erst seit kurzem haben sie offiziell Strom und im Winter kann es durchaus passieren, dass die Wege unpassierbar werden und die Tankwagen mit Wasser (welches gerne 6 bis 10 Mal so viel wie in den reichen Vierteln Barranco oder Miraflores kostet) nicht kommen. Die Pueblos Jovenes dehnen sich in der Peripherie Limas aus und das bedeute nach oben, in die kargen trockenen Ausläufer der Anden. Sra Ninfa kocht uns dasselbe Essen, dass auch ihre Familie bekommt, ein unsagbar leckeres Gericht aus Hühnchen, Reis und Linsen in so großen Portionen, dass wir später allesamt einfach aus der Tür rollen. Ninfas persönliche Geschichte ist bezeichnend für das Leben in den Pueblos Jovenes. Viele der dortigen Familien werden von den Frauen geführt und versorgt. Ninfa arbeitet momentan Tag und Nacht, um sich ein neues Dach leisten zu können und hat ihr Haus nicht nur einmal, sondern nach einem Brand sogar ein zweites Mal aus dem Nichts aufbauen müssen. Nebenbei hat sie mal eben eine Suppenküche gegründet und ist neben ihrer Arbeit als Stickerin die Vorsitzendes einer lokalen Initiative von Frauen, die für Kinder und Senioren Frühstück zubereitet. Tatsächlich sind die Männer auf diesem „Ausflug“ eher wenig präsent. Vielleicht ist es auch ein zu kleiner Ausschnitt, den wir hier zu sehen bekommen, aber sie scheinen schnell in Ärger jedweder Art hineinzugeraten, so dass die Frauen sich um allein das Wesentliche kümmern müssen. Vom Vater von Sra Ninfas Kindern ist der momentane Job unbekannt. Außer den beiden haben wir natürlich noch viele weitere tolle Menschen getroffen, die allesamt einfallsreich, kämpferisch und geschäftstüchtig sind. Somit würde es der Stadt und ihren Bewohnern in keinster Weise gerecht werden, nur über Barranco oder Miraflores zu schreiben und die herrschaftlichen Kolonialbauten der spanischen Eroberer zu rühmen. Denn das eigentliche Erbe Perus ist viel mehr als Pisco und Ceviche und vor allem ganz sicher kein kolonialistisch-spanisches.

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